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Ruhr Reggae Summer # gechillt

Das Ruhr Reggae Summer Festival dauerte drei Tage, aber wir kamen erst am Abend des zweiten Tages am Festivalgelände in Mülheim an. Man könnte meinen, dass ein Navigationssystem meistens hilfreich ist, aber in diesem Fall hat es uns mitten in die Pampa in ein kleines Dorf geschickt. Diese Straße hatte zwar den auf der Homepage des Festivals angegebenen Namen, aber es waren dort eindeutig keine Camper oder ähnliches zu sehIMG-20150803-WA0004 (2)en, sondern nur ordentlich aufgereihte Einfamilienhäuser. Dann ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen: Wir hätten doch die andere Ausfahrt nehmen müssen, an der wir schon längst vorbei waren! Es wurde immer später und wir wollten schon fast aufgeben und einfach den Schildern nach Holland folgen und ans Meer fahren, aber das Festival wollten wir uns auch nicht entgehen lassen. Also sind wir wieder 60 km zurück nach Köln gefahren und haben gemerkt, dass es den gesuchten Ort zweimal gibt – also einmal Mülheim am Rhein und einmal Mülheim an der Ruhr. In Köln angekommen war klar, dass wir wieder falsch waren. Das war alles total unlogisch und das Navi im Handy war mehr verwirrend als hilfreich. Es gab nur noch eine Möglichkeit: Frauenpower! Ich weiß nicht mehr wie, aber ich habe meinen Freund mit meinem Handy zum Festivalgelände gelotst – ich habe einfach das Schwimmbad gegoogelt, was auf der Karte am Festivalgelände eingezeichnet war.

Nach einiger Zeit waren wir dann endlich am Ziel angekommen und es bot sich uns der angenehme Anblick einer großen und schönen grünen Wiese mit vielen bunten Zelten darauf. Jedoch hatte man nicht den Eindruck, dass es so eine Massenveranstaltung wie zum Beispiel die Summerjam war. Es gab auch keine Parkplätze für die Besucher, also parkten alle am Einkaufscenter im Ort. Dort deckten wir uns noch mit dem Nötigsten ein, also Essen, Trinken und ein Kopfkissen. Man sollte beim Packen nicht zu leichtfertig sein. Mein Freund hat mich auf der Autobahn gefragt: „Hast Du alles eingepackt?“ und ich so: „Ja klar, ich hab alles aus dem Schuppen geholt, was man zum Campen braucht. Das Zelt, die Matten, die Plane. Und die Schlafsäcke, oh Mist! Die hab ich vergessen, die lagen im Keller!“ Diese Nacht sollte die eisigste schlaflose Nacht werden, die ich je erlebt hatte. WP_20150802_003 (2)

Als wir also aus dem Supermarkt in Mülheim rauskamen, dachte ich noch, dass ein Kissen mit Schafsfell auf der einen Seite und einem kitschigen Bärenmotiv auf der anderen für die Nacht schon ausreichen würde. Es war im Angebot und ich wurde schon an der Kasse von Leuten darauf angesprochen! Nach dem Einkauf nahmen wir unser Gepäck aus dem Auto – eben soviel wir tragen konnten – und gingen zu Fuß zum Festival. Endlich angekommen wollten wir Tagestickets kaufen, aber das ging nicht – wir mussten für alle drei Tage bezahlen, um aufs Campinggelände zu dürfen. Das fand ich zu teuer und irgendwie ungerecht, aber was soll man machen. Auch den gerade erworbenen Alkohol mussten wir in Plastikflaschen umfüllen, da Glasflaschen auf dem Gelände verboten waren, aber danach durften wir passieren. Die Campingwiese war sehr idyllisch an einem kleinen Flüsschen gelegen und von einem Bauer zur Verfügung gestellt worden, der seine Kühe für diese Zeit ans andere Ufer getrieben hatte und die uns von ihrem Unterschlupf unter der Brücke aus beäugten. Ringsum das Gelände war ein hoher Metallzaun aufgestellt und selbst die Polizei hatte hier mal nichts zu suchen, da es sich um ein Privatgelände handelte. WP_20150802_002 (2)Wie es sich zeigte, war eine polizeiliche Kontrolle bei diesen friedliebenden Festivalbesuchern noch unnötiger als bei der Summerjam: Durch die ständigen Kontrollfahrten der Polizei wurde doch dort nur bewirkt, dass sich alle in ihrer Ruhe und ihrem Frieden gestört fühlten.

Als die Sonne unterging, hatten wir unser Zelt aufgebaut, unsere Campingstühle aufgestellt und uns soweit häuslich niedergelassen. Da wir die Plastikbecher vergessen hatten, fragte mein Freund bei unseren Zeltnachbarn nach und diese erwiesen sich schnell als gute Gastgeber und ebenso gute Party-Kameraden. So setzen wir uns zu ihnen, plauderten, tranken und rauchten gemeinsam – es war alles so schön und unkompliziert, wie ich es mir erhIMG-20150803-WA0002 (2)offt hatte. Wie einfach konnte es doch sein, neue Freunde zu finden, wenn man in der richtigen Begleitung war. Später machten wir uns alle zusammen auf den Weg zum Konzertgelände. Es sollte die Nacht unseres Lebens werden..

Der Artist Jah Cure war ein wahrer Prophet! Er zog uns mit seiner Musik in seinen Bann und hypnotisierte mich förmlich mit seiner Stimme. Ich stand mit meinem Freund ganz weit vorne an der Bühne. Die Musik ergriff so sehr mein Herz, dass ich ständig mit den Tränen zu kämpfen hatte. Der Moment war einfach perfekt und wir tanzten, als gäbe es kein Morgen. Ich hatte noch nie so innig mit meinem Freund getanzt und es war einer der schönsten Momente, die wir je geteilt hatten. Es kam mir so vor, als stünden wir mit unserer Liebe im Mittelpunkt der Welt. Die Songs waren so gefühlvoll und unvergleichlich gut, dass die Zeit stehen zu bleiben schien.

WP_20150802_001 (2)Nach dem Konzert ging es zurück ins Zelt, wo mich die härteste Nacht meines Lebens erwartete, während mein Freund wie im Koma lag und nichts davon mitbekam. Es war nass und eiskalt, da wir keine Schlafsäcke hatten. Ich deckte mich mit allem zu, was mir in die Hände fiel. Am nächsten Morgen um 8, als endlich die Sonne aufging, war ich überglücklich. Ich lief über die Wiese zu den Toiletten und bemerkte, dass einige Zelte dampften, als würde der Morgentau in der Sonne trocknen. Komisch war, dass nicht alle Zelte in der Sonne dieses Phänomen auswiesen. Schnell wurde mir klar, dass es einen anderen Grund hatte: Der Zeltbewohner war schon wach. Im Licht konnte man auch erstmals die Verwüstungen des Partyl-Volks der letzten Nacht sehen. Da die meisten noch schliefen, sahen die verlassenen Campingstellen wie Stillleben aus, ja es war schon fast Kunst! Innerhalb einiger Stunden erreichten die Zelte in der Sonne dann dafür wieder ihre Kerntemperatur von ca. 40 Grad und es wurde allmählich Zeit fürs Schwimmbad. Wir konnten umsonst rein und das Wasser war ohne Chlor mit Sand auf dem Grund,  ein Naturbecken. Außerdem konnte man surfen und wasserrutschen. Es gab also alles, was das Herz begehrt.

(hs)