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Summerjam – der Sommer unseres Lebens

Wer noch nie auf einem Festival war und dann zum Summerjam fährt, der kann was erleben. Wenn man in Köln Chorweiler ankommt, lässt noch nichts den Flair erahnen, der einen auf dem Festivalgelände erwartet. Es ist eine eingezäunte Gegend voller dichter Wälder, die Naturliebhabern sehr viel zu bieten hat. Es ist sozusagen eine Welt für sich, aus der man nie wieder heimkehren möchte. first

Am Anfang kommt eine Herausforderung, die sich gewaschen hat: Den besten Zeltplatz zu finden. Bei 40 Grad kann das schnell zur Geduldsprobe werden – nicht zu vergessen die Campingausrüstung, die wohl oder übel zu Fuß transportiert werden muss. Es gibt mehrere Areale, wo man sein Lager aufschlagen kann: 2013 haben wir auf der „Bob-Marley-Road“ gezeltet. Dazu muss ich sagen, dass das Summerjam Festival in und um einen See stattfindet. Am Ufer wird gezeltet und auf der Fest-Insel, die über mehrere Brücken erreicht werden kann, treten die KünstlerInnen auf. Wenn man zu weit weg zeltet, dann kann es schnell passieren, dass die Lethargie und Bequemlichkeit, die in solch einem Paradies über einen kommt, einen davon abhält, viel von den Live-Acts mitzubekommen. Der genannte Zeltplatz nämlich lag durchaus ungünstig und forderte eine längere Wanderung oder die Überquerung des Sees durch Muskelkraft, also durch Schwimmen.

Dieses Jahr habe ich einen Ort gewählt, der die perfekte Lage hat: Auf den Halbinseln – den „Totch Islands“. Wir haben uns dort eine Terrasse direkt am Wasser gesichert und zu einer Campinghochburg umgebaut, die viele Neider fand. Es ist das A und O sich ein gutes Territorium zu sichern, sonst endet man im Dreck und Staub der zahllosen Menschen, die das Gelände Schritt für Schritt für sich einnehmen. Sich in die Büsche zu schlagen wird hier zu einer sehr guten Idee, da man so eine Chance auf Privatsphäre hat. So habe ich das Zelt von meinem Freund und mir in einer kleinen Höhle zwischen den Bäumen platziert, wo es – nicht zuletzt durch seine Tarnfarben – so unauffällig war wie ein Baum im Wald. thirdDurch dieses Festival habe ich eine neue Art von Freiheit erfahren: Das Erlebnis unter freiem Himmel zu schlafen, im See zu baden, sich in der Sonne zu trocknen, mit Feuer zu kochen und sich vom Wind kühlen zu lassen. Die Selbstverständlichkeit nicht auf die Uhr zu sehen, morgens schon die Party zu eröffnen – wenn das alle tun, dann ist das die Normalität.

Ich erwachte im Sonnenaufgang und sah auf den See – ein wunderschöner Anblick beim ersten Augenaufschlag. Die erste Handlung des Tages war daher ein schönes Bad im Fühlinger See. Er ist so klar, so erfrischend und eiskalt in seiner Mitte, dass er sozusagen zum Lebensmittelpunkt aller Festivalbesucher wurde. Nach einem belebenden morgendlichen Bad widmete ich mich dann gerne der Umwelt: Ich befreite die Wiesen, Sträucher und den See von den zahlreichen Hinterlassenschaften des Party-Volks der vergangenen Nacht. Es ist, als würde man ein wunderschönes Gemälde restaurieren und ihm zu seiner ursprünglichen Schönheit und Reinheit zurück verhelfen. Als würden die Seevögel es einem durch ihr frohes Treiben danken und auch das Schwanen-Paar, das mit seinen vier Jungen vorüberzieht. Auch die Menschen erfreuen sich an einer unberührten Natur. Also nahm ich mir eine Tüte und fischte alles raus, was nicht dahin gehörte – es wäre gut gewesen, wenn das alle gemacht hätten. An manchen Zeltplätzen war nämlich ein einfacher Aufenthalt schon menschenunwürdig, da die Dixie-Klos entweder die direkten Nachbarn waren, oder etwa die Müllberge die Sicht auf die Natur erschwerten.

second„Love and Peace“ ist das Motto von Summerjam, also suchst Du Streit und Gewalt hier vergebens. Allgegenwärtig sind nur Reggae und der Geruch von Gras, von dem man in seinen Bann gezogen wird und der aus allen Ecken strömt. In Kombination mit der Wildheit der Natur, des Wassers, der Sonne und den Wolken ist das ein einmaliges Erlebnis und ganz neues Lebensgefühl. Hatte ich doch die letzten Tage kein Fünkchen Strom gebraucht und sämtliche Technik, die zuhause mein ständiger Begleiter war, gegen meine Freiheit eingetauscht. Der Gedanke, nach Hause zurückzukehren, wurde zu etwas, das man zu verdrängen suchte. Warum konnte es nicht für immer so weiter gehen? Warum leben wir nicht das ganze Jahr so ein Leben? Wohin muss man auswandern, um so einen ewigen Sommer leben zu können? Sicherlich ganz weit weg, wenn nötig einen eigenen Staat gründen, ein „Nirvana“!

Tickets fürs Festival haben wir dieses Jahr übrigens keine bekommen – es war nämlich das 30. Jubiläum. Als wir ein paar Tage vorher die Tickets kaufen wollten, waren tatsächlich schon alle ausverkauft. Im Internet wurden die übrigen Tickets zu Höchstpreisen von Privatpersonen angeboten: Wir hätten 3 Tickets für 500 Euro bekommen, aber das war weit über unserem Budget. Wir haben deshalb dieses mal zwar keine Live-Acts gesehen und somit tolle Künstler wie Damian Marley, Wyclef Jean und Patrice verpasst,  aber das war in diesem Fall auch in Ordnung so.

(Foto: WDR / Thomas von der Heiden)

(Foto: WDR / Thomas von der Heiden)

Die Hitze hatte mich sowieso außer Gefecht gesetzt und an meine Luftmatratze gefesselt – die kleinste Bewegung an Land wurde sogleich zu einer Schweiß treibenden Aktion. Es waren 40 Grad und ich habe in den gesamten 4 Tagen unseren Stützpunkt kein einziges Mal verlassen. Wozu auch, ich hatte alles, was ich brauchte. Als die Dunkelheit einkehrte, wurde die Atmosphäre am See immer aufregender und geheimnisvoll. Die Schatten der Nacht mischten sich mit den Klängen der weit entfernten Bässe und die Leute feierten immer exzessiver. Gegröle und lautes Singen, Trinkspiele und das gemeinschaftliche Rufen nach einer gewissen „Helga“ wurde zum Dauerbrenner. Es herrschte überall Partystimmung. Wir waren dort mittendrin im Leben und gleichzeitig mittendrin im Sommer unseres Lebens.

(hs)