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Ausflug #23: Erykah Badu @ Köln/Tanzbrunnen 04.06.2019

„My name is Erykah Badu also known as (aka) Badoula Oblongata aka She Ill aka Sarah Bellum aka Lo Down Loretta Brown aka Mary Magnum aka Analouge Girl in a Digital World aka Manuela Maria Mexico aka MC Apples aka fatbellybella (…)“. Erica Abi Wright – mehr als eine Künstlerin. Erykah, vor allem bekannt als die Hip-Hop liebende „Nu-Soul Göttin“, war als Teil der Konzertreihe „Golden Ages“ seit einiger Zeit das erste Mal wieder in Deutschland.

Foto: Jeff Spicer/BFC/Getty Images

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Erykah

Ms. Badu, eine vielseitig talentierte und mehrfach ausgezeichnete Frau. Sie legt sich nicht fest. Nicht als Musikerin, Künstlerin, Mensch. Sie teilt nicht in Kategorien. Sie ist spirituell und es stört nicht einmal. Ihre Ausstrahlung ist intergalaktisch. Die eine Musikerin, die mich schon als Kind unglaublich fasziniert hat. Erykah („kah“ für „das innere Selbst“) Badu (Jazz Scat Sound und Name westafrikanischer Herkunft) stand schon als Kind auf der Bühne. Ihre Mutter, sowie Großmutter waren in der Theaterwelt zuhause. Sie schauspielerte und studierte später Tanz und Musik. Das Studium brach sie ab, um sich ganz dem Musizieren zuzuwenden. Sie unterrichtete Kinder in Tanz und Gesang, kellnerte und trat abends in Clubs auf oder gab als Apples the Alchemist Freestyles im Radio ihrer Heimatstadt Dallas zum Besten.

Erykah gründete eine Band Erykah Free mit ihrem Cousin; startete als MC Apples ein Rap-Duo und hatte 1997 ihren Durchbruch mit dem Soloalbum „Baduizm, nachdem sie 1994 eine Show für D’Angelo eröffnete. Später wurde sie das einzige weibliche Mitglied des Soul Movement-Kollektivs The Soulquarians, das von D‘Angelo und dem The Roots-Drummer Questlove gegründet wurde. Weitere Mitglieder dieses alternativen Zusammenschlusses waren u.a. J Dilla, James Poyser, Mos Def und Common. Erykah war hier auch als Musikproduzentin tätig, ihr Album „Mamas Gun entstand 2000 in dieser Zusammenarbeit.

Badu ist Musikerin, Schauspielerin, Künstlerin, Aktivistin, Producerin, DJ und B- Girl (…), aber insbesondere ist sie eine wahre Poetin. Sie selbst beschreibt sich als „mother first“ oder, in Worten der Plattencover-Kunst ihres letzten Studioalbums „New Amerykah Part Two: Return Of The Ankh“ (2010): „I consider myself a spiritual being first, man or woman second, Black or White 3rd, Jew or Gentile 4th, and pretty or ugly 5th„. Mit ihrem gemeinnützigen Kunstprojekt B.L.I.N.D., das sie 2003 ins Leben gerufen hat, werden kostenfreie Kulturangebote für Jugendliche in Dallas geschaffen. Erykah besitzt ein eigenes Plattenlabel namens Control Freaq Records, unter welchem z.B. 2015 ihr, von Drakes „Hotline Bling“ inspiriertes MixtapeBut You Caint Use My Phone (Titel in Anlehnung an einen ihrer Songs „Tyrone) oder aufgenommene Live-Improvisationen ihres Bandprojekts The Cannabinoids veröffentlicht wurden. Ihr Musikstil ist schwer zu limitieren, dennoch bewegt sie sich überwiegend in den Genres Soul, Hip-Hop, Show Tunes, Jazz und Funk. Neue Songs können Fans gerne gut verpackt in DJ Lo Down Loretta Browns Sets entdecken, wie z.B. den Track bei 01:05:04 der NTS Radio Show The Sound Of Green. Zuletzt veröffentlichte sie mit James Poyser und Thundercat, zum Record Store Day 2019, eine Coverversion des Songs „Tempted“ der Band Squeeze. Auch wenn ihr letztes Studioalbum 2010 aufgenommen wurde, müssen Fans nicht gänzlich auf neuen Input verzichten. Auf SoundCloud und Mixcloud lädt sie unter dem Namen She Ill neue Aufnahmen und Sets hoch. Zur Einstimmung auf die Review hier eine Live Performance der Soul Train Awards 2018.

Konzert im Tanzbrunnen in Köln

Badu @ Tanzbrunnen (Foto: Michael Bause)

Es startete mit einem DJ, gefolgt von Masego, der den sich allmählich füllenden Tanzbrunnen mit seinem „TrapHouseJazz“ ordentlich anheizte. Das Wetter war perfekt für ein Konzert unter freiem Himmel und die Location war optisch ein Hingucker. Die Stimmung war sehr ausgelassen, eine buntgemischte Fangemeinde freute sich auf den Star des Abends. Auf der Bühne stand bereits das halbe Setting für Erykahs Auftritt, inklusive großer Leinwand und einer gut ausgestatteten Percussion-Ecke. Spätestens als die Aufbauhelfer*innen Badus berühmte Drum-Machine am Bühnenrand platzierten, drängte sich die Masse näher zusammen, und kleinere Menschen waren bald froh über die Leinwand, auf der später eine „alienhafte“, psychedelische Badoula Oblongata gezeigt werden sollte.

Die Band betrat die Bühne und spielte einen Song an, dann traf ihre Stimme aus dem All auf unsere Ohren. Zur Begrüßung loopte sie die Line Hello, hello, hey, hello, hello des gleichnamigen Songs. Erykah, immer stylisch. Ob gigantischer Turban oder Hut, einem Afro, den sie in Zeichnungen oft als Baumkrone darstellt oder selbstentworfenen Kleidern. Dieses Mal verblüffte sie in einem langen neongrünen Gewand, auf dem Kopf trug sie einen transparenten Hut, sowie eine Perücke mit schätzungsweise 1000 knielangen Zöpfen, darüber ein gemustertes Stofftuch, das ihr Gesicht verdeckte und welches sie später gegen ein „bionisches Visier“ tauschen sollte. Alle jubelten, endlich war sie da. Stimmlich übernatürlich gut. Von „Hello“ leitete sie über in den ersten Teil des Songs Out My Mind Just In Time“ und wirkte völlig „outta space“, während sich ein ebenfalls neongrünes Laserdreieck über ihr und ihrem Gewand schloss. Von „Love Of My Life überOn & On, Rimshot zu Back In The Day“ – Erykah Badu gab uns neben Freestyle und Improvisation auch ihre gefeierten und geliebten Hits. „Thank god for the precious gift he gave me and thank you for being a reflection of that gift“. Sie wirkte so gelassen, stieg von der Bühne und sang gemeinsam mit ein paar Leuten in den vorderen Reihen. Von der Band begleitet brachte sie ein paar Tanzeinlagen, die mich an kamerunischen „Assiko“ erinnerten. Passend zur Line „tried a little yoga for a minute“ des Songs „I Want You, stand sie Kopf. Sie bat Zap Mama aka Marie Daulne auf die Bühne, welche sie dann stimmlich, vor allem aber in der gemeinsamen Tanzperformance unterstützte. Hierbei entledigte sich Badu auch ihrer Perücke, und zum ersten Mal hatte man einen klaren Blick auf ihr Gesicht.

Konsequent verließ sie nach ekstatischem Tanz und einer guten Stunde Konzert die Stage und kam nicht mehr für eine Zugabe zurück. Die Tanzeinlagen waren auf den hinteren Plätzen leider weniger gut sichtbar und man fragte sich, was Erykah da auf dem Boden tat. Viele hätten sich statt Tanz noch ein paar mehr ihrer Lieblingssongs gewünscht, mehr Stimme. Zudem gab es ein echtes Problem, an welchem jedoch die Musiker*innen keine Schuld trugen: Die behördlichen Regularien der Stadt, durch welche Erykahs Soundtechniker dazu gezwungen wurden, die Lautstärke ab 21 Uhr auf 75db zu drosseln, was definitiv zu leise für ein Konzert dieser Größe war. Die Rahmenbedingungen waren daher nicht optimal und ich kann die Enttäuschung mancher Fans nachvollziehen. Ich persönlich bin sehr froh, eine meiner Lieblingskünstlerinnen endlich live gesehen zu haben, auch wenn mir bei Open Air Konzerten generell oftmals die kompakte, geballte Kraft fehlt.

Infos:
https://www.facebook.com/erykahbadu
https://www.discogs.com/de/artist/10995-Erykah-Badu

(mw)